Hurra, endlich Krieg!

Das ist kein Ausspruch von mir selbst, sondern ein Zitat eines jungen deutschen Soldaten aus Bremen im Jahre 1914. Morgen jährt sich der Beginn des 1. Weltkrieges zum einhundertsten Mal und da ich für Geschichte (eines der Themen die ich – wäre ich nicht so faul – vielleicht doch gerne studiert hätte) einiges Interesse habe, lese ich dieser Tage wieder viel über das Thema.

Zum Glück und dank des schnellen Internets gibt es heute viele Möglichkeiten sich darüber ein Bild zu machen. Die ARD hat auf ihren Seiten dazu auch ein Special eingerichtet (hier klicken). Vor einigen Wochen gab es auch eine Episoden-Film Dokumentation, die das Leben von (ich glaube) 6 damals völlig unterschiedlich lebenden Menschen wiedergegeben hat.

Doch trotz aller Dokumentation und allen Berichten und Erzählungen, es ist und bleibt aus heutiger Sicht und mit dem historischen Wissen darüber, was ein moderner Krieg ist, völlig unverständlich, wie man sich als junger Mensch mit „Hurra, endlich Krieg“ in den Untergang stürzen kann. Sicher, ich habe auch meinen Eid aufs Vaterland geleistet und auch ich müsste, sofern der Verteidigungszustand eintritt, meinem Eid folgen, doch ist es eben ein Unterschied, ob man sich das herbeisehnt oder nicht.

In welcher Nationalen- und Mannesstolz-durchtränkten Trunkenheit sich weite Teile der Deutschen (ich vermeide absichtlich das Wort „Nation“, denn es war noch ein anderes Land und eine andere Staatsform damals) befunden haben müssen, ist schon sehr seltsam. Ich schätze mal, weil die meisten einfachen Leute sich auch keine Vorstellung machen konnten, welches neue Kriegsgerät seit dem letzten Krieg 1870/1871 entwickelt wurde (und z.B. wie sinnlos ein Maschinengewehr einen Aufmarsch in preussischer Schlachtreihe macht) stellten sie sich den Krieg wohl als landesweite Kostümveranstaltung mit Verletzungsrisiko vor.

Klar, die Presse war damals auch nicht so frei, wie sie es heute sein könnte. Damals wurde vom Krieg nur berichtet, was Kaiser und König ins Konzept gepasst hat. Die Medien beschränkten sich im Bestfall auf ein Tagblatt und von Vielfalt konnte man dabei auch nicht gerade reden…. und trotzdem, ich verstehe einfach nicht, wie man sich als normaler Mensch des Volkes (der vom Krieg nichts hat) einen Krieg herbeiwünschen kann.

In den letzten Wochen bin ich auf einen (wie ich meine) ganz besonderen Menschen aus jener Zeit gestoßen. Ein 1874 unweit von mir in Münster geborener Deutscher, der im Krieg als Soldat diente und zuletzt als Bataillonsführer im Jahre 1915 an der Ostfront fiel.

Sein Name war August Stramm und er schrieb Gedichte.

Inzwischen habe ich so gut wie alle seine Gedichte, die im Internet zu finden wahren, gelesen und ich mag seine Sprache sehr. Mit dem Expressionismus an sich konnte ich eigentlich nie viel anfangen… zu undefiniert und zu vage war mir das bisher immer… aber seine Zeilen verstehe ich irgendwie.

Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir dabei sein Werk „Der Letzte“, das wie kein anderes die Wahrheit des Wahnsinns im Krieg (die ich zum Glück selbst auch nie kennenlernen musste) beschreibt:

Der Letzte

He! da oben! Lachen! ich lache! drei Tage stürzen! brül-
len! drei Tage Jahre Ewigkeiten! und bist noch nicht zer-
stürzt! verfluchter Himmel! Blaubalg! pafft Zigarren und
stiebt Asche. alles zusammen. den Graben. Schützen-
graben. Schutz. Grab. die Stellung wird gehalten bis zum
letzten Mann! vorwärts Jungens. Das Blaugespenst
klimmt rote Augen auf. rot. feuerrot. verschlafen. Der
Tag hält nicht aus. so oder so! schießt! schießt! der Wald!
ja. in den Wald! Schädel. Wolken. lustig! der beste
Schütze darf. ja. darf zuerst schlafen. Teufel! schlafen.
Mord Müdigkeit Rasen Wut! He! Bursche! Bursche da
vorn! willst du? willst du schießen?! du? ja? der Kopf
zwischen die Beine geklatscht? Drückeberger! schießen!
knallen! seht! sie kommen aus dem Wald. raus aus dem
Lauf! die Backe gesetzt! brav! brav! Schnellfeuer! Blaue
Bohnen! Bohnen! Blaue Augen! mein Schatz hat blaue
Augen. haha! drauf! drauf!
sie laufen. Korn nehmen.
Zielscheiben. laufen. Mädchenbeine. ich beiße. beiße.
verflucht. Küsse scharfe. drauf gehalten! Standvisier Aug
in Auge! Wasser? was? die Läufe glühn? alle Schläuche
glühn. letzte Nacht hat die Feldflasche zerschlagen. das
trockne Glas geleckt. die Zunge blutet. schluckt.
schluckt. schießt die Flinten kalt. euch selber kalt. kaltes
Blut! da vorne pfützt Wasser. Pfui Teufel! gierig! Dreck!
Blut. blutiger Dreck. Blut modert zu schnell. Feuer!
Schnellfeuer! raus! nicht einschlafen! wer? nehmt ihm die
Patronen aus der Tasche. wir brauchen sie. der Kerl blu-
tet! ein kleines Loch kann so bluten! schießen! Zielpunkt.
Donner! Knacken! das Flattern! so müßt ihr auch
schießen. zielen. zielen. gut.
ruhig. die Hunde drüben.
die arme Erde. Brief in der Tasche? natürlich. schlapp
und gleich tot auf der Nase. »mein lieber Mann!« ja.
Männer brauchen wir. aber keine toten hier. essen.
Bröckel Schokolade. Mutter. schießt Kerle. ach Mütter
weinen immer. schießt! ich war ein weicher Junge. Teu-
fel! Kopf hoch! die Nasen aus dem Dreck! Was?! keiner?
alle? Faullenzer! Verstärkung. hört ihr? Verstärkung
kommt. Feind nicht ranlassen! die Flinten vor! Teufel!
totsein ist Schande! seht! ich schieße. schieße. Ver-
stärkung. hört! Trommeln. Hörner. Tata trrr! eilt da hin-
ten! eilt! Muttertränen. Vaterbrünste. Dreck! Drei Tage
Dreck! Menschen! meine Mutter hat mich immer so
sorgsam gewaschen. Grab. Hölle. Teufel. mein Arm
schießt. Finger ladet. Auge trifft. Hurrah! Hurrah! die
Beine in die Hand! Hurrah! Tod und Leben! hurrah!
Eisen! hurrah! drauf! Mein Kopf! Kopf! wo ist mein
Kopf? voran. fliegt. kollert. brav. Bursche! in den Feind!
beißen beißen! Säbel! ha! weich der Vaterbauch. weich.
Mutter. wo bist? Mutter. seh dich nicht? Mutter du
küßt. Mutter. rauh. halte mich. ich falle doch. Mutter
ich falle. Mutter.

Verfasser: August Stramm, 1874-1915

Man mag sich eigentlich nicht vorstellen, was so ein Mensch gesehen haben und welche Bilder er davon im Kopf behalten haben muss um solche Zeilen schreiben zu können. Vielleicht hätte es gut getan, hätten die Zeitungen solche Zeilen gedruckt anstelle der heroischen Meldungen und Siegesnachrichten. Ich möchte eigentlich auch gar nicht wissen, wie sich die Werke von August Schramm entwickelt hätten, hätte er den Krieg noch bis zum bitteren Ende miterlebt…. immerhin fiel er schon ein Jahr nach Kriegsbeginn – vielleicht ein Glück für ihn.

Dieses Gedicht wirkt jedenfalls sehr stark auf mich, weil es den ganzen Heroismus, den ganzen falschen Glitzerglanz vom gloreichen Kampf fürs Vaterland (usw) beiseite wischt und es darauf reduziert was es eigentlich ist: ein unmenschliches Dreckfressen, Blut und Tod und der Tod ist immer einsam und nie heldenhaft.

Ich weiß nicht wie August Stramm dann letztlich gestorben ist… ob er davon noch etwas bemerkt hat oder nicht… aber ich würde ihm wünschen, dass er nicht noch lange Zeit hatte seine letzten Zeilen, wenn auch nur im Kopf, über seinen eigenen Tod zu formen.

Nachruf

Am 1. September 1915 fiel bei einem Sturmangriff über
einen Kanal an der Spitze seiner Kompagnie

Hauptmann der Reserve
August Stramm

Ritter des Eisernen Kreuzes 2.Klasse, des Oesterreichi-
schen Verdienstkreuzes mit der Kriegsdekoration und
eingegeben zum Eisernen Kreuz 1. Klasse. Seit Januar
dieses Jahres dem Regiment angehörend, hat er an den
schönen Erfolgen des Regiments zum Teil als Bataillons-
führer hervorragenden Anteil. Sein Name ist mit der Ge-
schichte des Regiments, das mit ihm einen seiner
tüchtigsten Offiziere verloren hat, eng verknüpft. Als
treuer Kamerad und unermüdlich fürsorgender Vorge-
setzter wird er uns allen unvergeßlich sein.

Im Namen des Offizierkorps

Ahlers
Major und Kommandant des Reserve-Infanterie-
Regiments 272

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