Ehrliche Geschichten…. (Bahncard gewinnen)

Bei der Bahn gibt es derzeit die Möglichkeit eine Bahncard100 zu gewinnen. „Ehrliches Land. Ehrliche Menschen“ lautet der Slogan unter dem die Aktion der DB Regio NRW läuft. Wenn ich das richtig verstanden habe, soll man seine beste Bahngeschichte niederschreiben, ein Foto dazu einreichen und das ganz landet dann auf der Webseite und kann von anderen Besuchern „gevoted“ werden.

Marketingtechnisch ist das eine echt arschgeile Aktion… man bringt die eigenen zahlenden Kunden dazu sich für das Unternehmen ins Zeug zu werfen und ihre (positiven) Gesichter für das Unternehmen wirken zu lassen… und das obwohl man sie den Rest des Jahres eher ärgert als verwöhnt.

Aber gut, es scheint genug Interessenten zu geben, die an der Aktion teilnehmen… abgesehen davon ist eine Bahncard100 (ich hatte einst selbst mal eine) eine echt geniale Sache (vor allem, weil man flexiblier ist bei den ganzen Verspätungen und Ausfällen)… vielleicht ist meine Meinung zu der Aktion möglicherweise düsterer als der Durchschnitt. Dennoch bleibe ich dabei, eine Meinung zur Bahn zu haben, denn ich bin jahrelang sehr häufig mit der Bahn gependelt. Allein die Strecke Hamm-Stuttgart bin ich circa zwei Jahre lang ungefähr alle zwei/drei Wochen gefahren und auch bei früheren Beziehungen bin ich fast jedes Wochenende längere Strecken im Fernverkehr der Bahn gefahren. Zudem war ich auch einige Zeit beruflich Bahnpendler im Regionalverkehr. Also eine eigene Meinung zum Thema Bahn gestehe ich mir da absolut zu.

Eigentlich fahre ich auch gerne Bahn… mein ökologisches Gewissen schreibt mir dies sogar vor und wenn ich vergleiche, wie entspannt ich nach einer langen Zugfahrt ankomme (im Vergleich zu einer langen Autofahrt), prüfe ich immer doppelt und dreifach, ob eine Autofahrt zum Zielort aus welchen Gründen auch immer wirklich sein muss oder ob es mit dem Zug nicht wenigstens vergleichbar wäre.

Aber meine „Lieblingsgeschichte“ zum Thema „Bahnfahren“ gebe ich zumindest hier im Blog gerne zum Besten. Sie stammt aus einem alten Blog, den ich ungefähr um das Millenium herum (für die Vertreter der jüngeren Web-Generation: so nennen die alten Menschen den Jahreswechsel von 1999 auf 2000) führte und der aber inzwischen schon lange lange lange nicht mehr existiert:

 

ICE – Zuschlag

Sonntag 07. April um 20:10 Uhr abends im ICE 180 der Deutschen Bahn
AG von Singen (Hohentwiel) nach Stuttgart. Gäbe eines Vorhof zur Hölle, so
würde dies meiner Vorstellung am ehesten entsprechen. Wäre diese
Blechkiste nicht auf Schienen vor meine Visage gerollt hätte ich nicht
ernsthaft geglaubt daß es sich bei dieser Zumutung die sich mir da
präsentierte um ein Transportmittel des 21. Jahrhunderts handelte. Zu
behaupten der Zug wäre überfüllt gewesen wäre eine nahezu sträfliche
Vernachlässigung der Wahrheit gewesen. Der Zug war nicht überfüllt…..
DAS SCHEISSDING PLATZTE AUS ALLE NÄHTEN! Beim Einsteigen hatte ich gerade
noch Glück meinen dicken Hintern mitsamt Rucksack und Reisetasche soweit
in den Zug zu quetschen das hinter mir dir Türe zuging. Dabei musste mir
ein (trotz der ganzen beschissenen Situation noch immer) freundlicher
Mitfahrer die Hand reichen an der ich mich festhalten musste um nicht
wieder rückwärts aus dem Zug zu fallen weil links und rechts am Eingang
sich bereits schon zwei Mädels an den Haltegriffen hielten um nicht selbst
aus dem Zug zu fallen.

Als Bahnfahrer muß man wissen das die Bundesbahn nicht den Gesetzen
rationalen Denkens unterworfen ist. Ein Bauer der auf seinem Feld 100
Rüben pflanzt weiß das er dann auch nur 100 Rüben verkaufen kann. Die
Bundesbahn macht es sich einfacher als der Bauer auf dem Felde. Die
Deutsche Bahn AG verkauft für einen ICE mit 300 Plätzen einfach 600
Tickets. Von dieser Logik soll sich mal jemand eine Scheibe abschneiden!

Ich ziehe nun schon 28 Jahre auf dieser Erde meine Kreise doch sowas hab
ich noch nicht erlebt. Das war kein Zug. Das war eine  Zumutung, eine
verkehrstechnische Unmöglichkeit, eine Sardinenbüchse auf der irgendein
Trottel der Bahn außen die drei Buchstaben I C E draufgemalt hat und
Rädern unten rangeschraubt hat! Ich will man nicht zu gemein sein und bei
der Wahrheit bleiben und daher nicht vergessen zu erwähnen das sich im
Verlauf der nächsten zwei Stunden die Situation im Zug derart verbessert
hat das ich kurz vor Böblingen mein Gepäck und mich selbst so platzieren
konnte das nicht alles beim Öffnen der Türe Gefahr lief aus dem Zug zu
fallen. Doch das war das einzig Positive an der Fahrt.

Nun muß man wissen daß der ICE 180 ohnehin schon immer recht voll ist (ich
fahre fast jede Woche mit dem Zug). So ziemlich alle wissen das, nur die
Heinis von der Bahn wissen das nicht. Kann man ja auch nicht wissen –
obwohl man im Computer jederzeit abfragen kann wie sehr der Zug schon mit
Platzreservierungen zugebucht ist. Die Besonderheit an jener Fahrt war,
das sich an jenem Sonntag noch zwei ganze Schulklassen mit in den ICE
quetschen. Wohlgemerkt zwei Schulklassen mit Platzreservierungen!!!! Es
war also nicht so das die Deutsche Schlafkappen AG….. äh sorry…. die
Deutsche BAHN AG nicht gewusst hat das in diesem Zug ein ganzer ARSCH VOLL
mehr Plätze benötigt werden. Man hätte es wissen können, wenn es jemand
interessieren würde dort wo es die langweilig blauen Uniformen gibt.
Wenigstens die Dame am Reservierungsschalter hats gewußt und da muß man
sich doch fragen für was die Bahn AG ihre Computer hat wenn die nicht
darauf hinweisen das der Zug total zugebucht ist weil man ja immer noch
berücksichtigen sollte das es wenigstens nochmal ebenso viel Fahrgäste
gibt die nicht reserviert haben!!! Oder ist das eine Neuigkeit für die
Schlafmützen der Deutschen Bahn?????

Das beste an der ganzen beschissenen Situation (außer der Steherei) war
das der Lehrer der Schulklassen sich dann daran machte ca. 30 Fahrgäste
(die sich schon allein deshalb auf die reservierten Plätze setzen mussten
weil es im Gang weder vor noch zurück ging) von den Plätzen zu
verscheuchen damit dort die Schüler sitzen konnten. Mich traf es ja nicht,
weil ich mich ja gegen die Türe drücken lassen mußte. Ich war ohnehin eher
damit beschäftigt Stoßgebete gen Himmel zu schicken das der Architekt und
Materialprüfungsausschuss für die Türen des ICE mehr auf dem Kasten hat
wie der Rest der Bahnkasperei. Ich stelle es mir recht ungemütlich vor
wenn es mit einem Mal „Plopp“ macht und dein Arsch bei voller Fahrt aus
dem ICE hängt. Ich konnte (da ich mittlerweile AUF meiner Reisetasche
stand um etwas mehr Platz zu haben) das Geschehen im Zug wenigstens
insoweit überblicken wie mir der Wald an menschlichen Körpern vor mir
Gelegenheit dazu lies. So konnte ich sehen wie mehrer ältere Herren und
unverschämterweise auch Damen in dem Gedränge ihre Plätze räumen mußten
die von den 12-14 jährigen Schülern reserviert waren. Ein Fall war echt
drastisch: die Frau war wohl ca. 60 Jahre… hatte graues Oma-Haar und
fiel im Verlauf der Fahrt zweimal wegen der Zugbewegungen um. Diese alte
Frau musste auch aufstehen damit die Rotznasen ihre Plätze hatten die sich
aber nicht lange nutzen da sie lieber im überfüllten Bistrowagen ihr
Taschengeld verprassten. Trotzdem durfte sich niemand auf die Sitze
setzen. Schande genug das Lehrer ein solches Verhalten unterstützen, war
es doch auch eine Schande das keiner der anderen Fahrgäste dieser Frau
seinen Sitz anbot! Zum kotzen wenn man sowas sieht!

Zwischendurch verbreitete sich sogar sowas wie Zweckoptimismus. Es musste
die Art menschlichen Zusammenhaltes in Notsituationen sein, die sich immer
bildet wenn Menschen in Bergstollen verschüttet, in Aufzügen eingeklemmt
oder in langen Warteschlangen beim Telekom-Shop (T-Punkt) gefangen sind.
So wurde ein Fahrgast (ich verwende das Wort ungern, denn „Gäste“
behandelt man anders) der sich über Mitfahrer und Gepäckstücke auf den
ebenso schwierigen wie abenteuerlichen Weg zur Toilette machte mit dem
Ruf „Genieß die Freiheit dort!“ zur Erlösung von seinem Drang der Natur
begleitet, denn tatsächlich war die Toilette der einzige Ort an dem man
noch so richtig Platz hatte. In Tuttlingen rief ein Spaßvogel zur
Ergänzung der Gleisansage „Bitte zurücktreten“ durch den Zug: „Bitte alle
Fahrgäste tief ausatmen – die Türen schließen sich jetzt!!!“ was für einen
Riesen-Lacher im Zug sorgte.

Zu meiner größten Freude wagte sich dann auch mal der Zugchef aus dem
Zugbüro. Der hat ja ein eigenes recht großes Büro im Zug für sich allein.
Um ihn herum standen an die Verglasung seines Zugbüros gequetscht die
Fahrgäste und ich sags euch ehrlich: mit dem armen Kerl hätte ich um
keinen Preis der Welt getauscht. Der durfte ausbaden was seine Firma
verbockt hat. Ich gebe zu als ich diese fast schon unanständig
provozierende Uniform auf mich zukommen sah (indem er sich über Fahrgäste
und Gepäck hangelte) sah ich mich schon verlockt dem Wort ICE-„Zuschlag“
eine neue, wohlgeziehlte und hoffentlich recht schmerzende Bedeutung zu
geben…. doch letztlich: was kann dieser arme Mensch dafür? Wenigstens
machte er nicht den Fehler den so ziemlich alle in seiner Situation machen
würden indem sie sagten „Ich kann doch nichts daran ändern“ denn das ist
nicht wahr! Man kann was daran ändern! Jeder Bahnbediensteter kann
Änderungen anregen, Beschwerden weitergeben, Eingaben bei übergeordneten
Stellen machen. Somit will ich also nicht verschweigen das sich jener
Zugführer sichtlich bemüht hat. Lediglich als er meine Fahrkarte sehen
wollte wurde ich etwas ungehalten. Ich sagte ihm das ich ihm meine
Fahrkarte just in dem Moment zeigen würde, indem er mir Platz schaffen
würde das ich von meiner Tasche steigen könnte um sie zu öffnen denn dort
wäre meine Fahrkarte drin. Solange er mir es nicht ermöglichen könne mein
Reisegepäck zu öffnen und seinem Verlangen nach vorzeigen meines
Fahrausweises Genugtuung zu verschaffen, solange müsse er mir einfach
glauben das ich einen Fahrschein habe. Offensichtlich etwas überfordert
von der Abstraktion meiner Aussage setzte er mehr oder minder zurecht
genervt seinen Weg über Mensch und Material fort. Interessanterweise
konnte ich dann beobachten wie er nur noch Menschen kontrollierte die
einen Sitzplatz hatten.

In Stuttgart angekommen überlegte ich mir kurzzeitig meinen CamCorder aus
der Tasche zu nehmen und die Menge an Menschen zu filmen die sich aus dem
Zug quetschte…. doch da auf Bahnhöfen nur mit Genehmigung gefilmt werden
darf und die Stuttgarter Jungs vom BGS nicht gerade Beispiele für
Freundlichkeit und Umgang sind, hab ich das dann doch lieber gelassen.

 

Ich vermute, dass diese Bahngeschichte aber in Hinsicht auf das Voting wohl kaum mehrheitsfähig wäre… abgesehen davon, dass sie schon 12 Jahre alt ist.  Natürlich habe ich in der Zwischenzeit (vor allem bei meinen jahrelangen Langstreckenpendeleien) noch ganz andere Dinger erlebt, aber als ich heute von der Aktion der Bahn erfahren habe, wurde ich dabei einfach wieder an diesen alten Blogeintrag erinnert und den wollte ich dann mal anlassbezogen aus der Versenkung holen.

Ein kleiner Gag am Rande ist der Name der Webseite unter der diese Gewinn-Aktion der Bahn läuft. Sie nennt sich „www.ehrlich-nrw.de„. Das finde ich schon witzig, denn in Sachen Ehrlichkeit ist es bei der Bahn in der Selbstbetrachtung nicht so weit her… ein passendes Stichwort hierzu sind die bewusst eingerechneten Unschärfen in der Pünktlichkeitsstatistik. Eine Verspätung gilt zum Beispiel im Fernverkehr erst ab fünf Minuten Verspätung. Kommt der ICE gerade 4 Minuten 59 Sekunden zu spät an, hat man seinen Anschluss womöglich verpasst oder nicht mehr genug Zeit zum Umsteigen, aber der ICE taucht dennoch nicht als „verspätet“ in der Statistik auf.

Wie war das noch?  www.ehrlich……   🙂

Comment ( 1 )

  1. NRW. Ehrliches Land. Ehrliche Menschen. | mein.Dunkles-Leben

    […] bunten Abend geladen. Hintergrund war meine Teilnahme an einem Bahngeschichten – Wettbewerb (dieser Blog berichtete darüber) und die Veröffentlichung der Bilder in einem […]

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