Der, der ich früher einmal war…

An einem Wochenende, an dem (seit langem) die Freundin mal nicht bei mir ist, sollte man eigentlich anders nutzen als nur den ganzen Tag zuhause zu sitzen und sich nicht aus der Wohnung zu wagen. Aber ausgesucht habe ich mir das ja auch nicht… als braver Arbeitnehmer werde ich natürlich pünktlich erst zum Freitagabend krank und elend und werde bis Montagmorgen (ganz ohne Zweifel) wieder fit genug sein um noch mit gutem Gewissen zuhause bleiben zu können.

So verbringe ich heute meine Zeit mit allerlei Youtube-Videos und der (gefühlten) 692. Folge von „Alpha Centauri mit Prof. Dr. Harald Lesch“. Dabei frage ich mich, wieso mich dieses Zeugs so interessiert? Denke ich an meine Schulzeit, so gehörte Physik immer zu den Fächern, auf die ich gut und gerne verzichten konnte. Das gilt insbesondere für meine mündliche Abschlussprüfung mit der (sinngemäß wiedergegebenen Frage) wie hoch die letztendliche Flughöhe eine geostationären Äquatorial-Satelliten mit der Masse „M“ sein muss. Furchtbar!

Früher zumindest fand ich sowas wirklich furchtbar. Heute würde ich es sicher ebenso sehen, wenn ich mich wieder damit beschäftigen müsste. Die „Unterrichtsstunden“ des Herrn Prof. Dr. Lesch sind ja auch eher theoretisch-allgemeiner Natur und wesentlich interessanter als irgendwelche konkreten Formeln.

Früher…

Ja, das ist so ein Wort. „Früher war alles besser“ – daran glaube ich nicht. Früher war alles anders… oder zumindest empfinden wir so, denn eigentlich ändern sich gar nicht so viele Dinge. Die Menschen machen heute wie zu allen Zeiten die gleichen Fehler, die gleichen Dummheiten und fallen auf die gleichen Irrlehren herein. Manche Dinge wiederholen sich eben immer wieder und in jeder Generation und Altersstufe aufs Neue. Dumm nur, dass es vor allem die schlechten Dinge sind.

Und wie ist das bei mir?

Nach ein paar weiteren Edutainment-Ausgaben von „Alpha Centauri“ habe ich die Lust daran verloren und begann (zuerst nebenher und später dann hauptsächlich) wieder etwas mehr Ordnung auf meiner Festplatte zu machen und ein längst überfälliges Backup vorzunehmen.

Wie es der Zufall wollte, stieß ich dabei auf meine alten Tagebücher aus den Jahren kurz nach dem Millenium…. und hatte das Gefühl, ein anderer muss diese vielen Seiten geschrieben haben, denn obwohl ich mich an die meisten dieser Zeilen erinnerte, auch an die Tage und Situationen, die ich darin beschrieben habe, so war mir die Bildsprache und der ungewohnt emotionale Ausdruck völlig fremd geworden.

Die Bilder, die damals noch voller Hoffnung und Freude überquollen, kann ich heute vor meinem inneren Auge nicht mehr nachvollziehen.

Ich scheine resignierter geworden zu sein oder bestenfalls „erfahrener“, aber doch mit einer wesentlich sachlicher oder analytischer Selbstbetrachtung und weniger emotional. Dafür ist mein Handeln und meine Art zu denken (insb. vor dem Handeln) heute viel bewusster, denn nach dem Lesen einiger der (sehr vielen) alten Seiten von damals habe ich den Eindruck damals oftmals ein „Getriebener“ (im Guten wie im Schlechten) gewesen zu sein. Zuletzt hatte ich einen ähnlichen Eindruck beim Lesen von Goethes „Werther“ – wenngleich der Werther mich auch um Längen geschlagen hätte. 🙂

Obschon ich es natürlich sehr zu schätzen weiß. dass ich heute ruhiger bin und die Ratio einen größeren Anteil an meinem Leben hat, fällt mir eben auf, wie viel weniger herzbetont mein Schreiben geworden ist.  Nun, Erklärungen dafür hätte ich nach mehr als nur ein paar Enttäuschungen und Negativerfahrungen genug auf Lager… doch würde dies nicht bedeuten, dass ich innerlich eingeknickt wäre? Dass ich aufgegeben hätte? Dass ich etwas in mir verloren habe, was ich jetzt (da ich meine Zeilen von damals lese) bewundere und vielleicht sogar vermisse?

Auf der anderen Seite gibt es Dinge, die ich damals nicht hatte. Zum Beispiel die Einsicht, dass es dumm ist jedem Menschen ein grenzenloses Urvertrauen entgegenzubringen oder (was damit in Zusammenhang steht) die Fähigkeit auch die persönlichsten Enttäuschungen wegzustecken – sicher nicht spurlos, aber doch einfacher und viel schneller als früher. Dabei beschäftige mich auch nicht mehr ständig mit der Frage: „Warum tun sie das?“, denn auf diese Frage fand ich früher schon nie eine Antwort – was mich manchmal fast wahnsinnig gemacht hat. Ich habe es aufgegeben Menschen unbedingt verstehen zu müssen.

Vielleicht bin ich härter geworden und dadurch (zumindest für Menschen in meinem allgemeinen Umfeld) ohne Zweifel auch unzugänglicher… aber ein Einzelgänger war ich eigentlich schon immer. So neu ist das eigentlich auch nicht.

Einige Bilder von früher kommen mir in den Sinn. Sonnendurchflutete Tage, einzelne Orte die ich mit glücklichen Momenten in Verbindung bringe… wenn ich mal wieder in der Heimat bin, will ich sie besuchen…. und ein wenig in mich hineinschnuppern, ob vom dem Kerl, von dem ich heute so viel gelesen habe, noch etwas in mir ist.

Bleibt die Frage: fühle ich mich mit mir selbst heute besser oder schlechter als damals?

Ganz ehrlich, ich weiß es nicht.


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