Wenn man im Zug Zeit hat nachzudenken….

So Freunde, ein paar Tage des Aufenthalts in heimatlichen schwäbischen Gefilden liegen nun hinter mir und auch wenn ich dazwischen immer wieder viel Zeit damit verbracht habe meinen Blog und andere Webprojekte zu füttern, so blieb mir dennoch viel Gelegenheit mich mal wieder intensiv mit den Gebräuchen und Umgangsweisen meiner ehemaligen Landsleute zu beschäftigen.

Mag sein, dass ich einfach nur starrsinniger werde, wie das im Alter wohl so manchem mit zunehmender Intensität zuteil wird, aber vielleicht liegt es auch einfach nur daran, dass ich schon so lange nicht mehr im Schwäbischen wohne und mir daher so manche Gewohnheit fremdartiger vorkommt, als das früher noch der Fall war.

Nun, jedenfalls bin ich recht froh dass ich mich, gerade just als ich diese Zeilen schreibe, im Zug sitzend auf den Weg in die Region Deutschlands befinde, die ich im Laufe der letzten 6 Jahre mit stets zunehmender Gewissheit als „meine Heimat“ bezeichne.

Vieles ist mir einfach schon fremd. Selbst die Namen der Dörfer, die mein Heimatdorf umgeben und die mir zuvor wie Alltagsworte über die Lippen gingen, habe ich schon teilweise vergessen und mir erst wieder mühsam in mein Gedächtnis rufen müssen. Auch so mancher personelle oder geographische Zusammenhang war mir schon nicht mehr gegenwärtig.

Ich habe einige Verwandte in den Vereinigten Staaten. Manche leben dort schon seit der Zeit bevor ich geboren war, andere sind erst in den letzten Jahren dorthin gezogen. In beiden Fällen habe ich mich gefragt, wie das wohl so ist, wenn man das meiste aus seinem Leben hinter sich lässt und ob das nicht zu einer Belastung wird, wenn man nur noch Fremdartiges um sich herum hat.

Nun gut, ich zog in kein fremdes Land und nirgendwohin wo eine andere Sprache gesprochen wird (obwohl sowohl Schwaben als auch Nordrhein-Westfalen sicher auf diverse dialektische Unterscheidungen beharren würden), aber dennoch kann ich zumindest in geringem Umfang nun durchaus ein Wort mitreden und mir eine eigene Meinung dazu bilden.

Fakt ist, ich (der ich schon seit mehr als 10 Jahren nun nicht mehr in meiner direkten Heimat wohne) fühle mich pudelwohl.

Zwar vermisse ich einzelne kleine Aspekte des Lebens in Süddeutschland, wozu zum Beispiel ein (geographisch) interessanterer Horizont, Maultaschen, gute Musikclubs (nein, kein Gothic sondern elektronische Partymusik betreffend) und anständiges Laugengebäck gehören, doch die Menge der Aspekte, die ich mit einem Leben außerhalb Süddeutschlands gerne hinter mir lasse, überwiegen eindeutig.

So ist die Summe dessen, was ich vermisse, deutlich geringer als die Summe dessen, was ich mir mit Freuden ersparen kann.

Entfremdung findet gewiss zu einem beachtlichen Teil statt. Ich verliere langsam das Gefühl von „Nach Hause kommen“, wenn ich in Stuttgart am Bahnhof stehe (was jedoch nichts mit den Baumaßnahmen und Stuttgart21 zu tun hat) und es fühlt sich einfach auch nicht mehr wie früher an, wenn der Zug in den letzten Kilometern der Strecke dann durch das Remstal fährt.

Solche Gefühle habe ich jetzt auf der Rückfahrt, wenn ich Köln hinter mir lasse und schon die letzten Kilometer zähle, die mich noch von meinen eigenen vier Wänden trennen (kleiner anlassbezogener Zwischenruf: Liebe Deutsche Bahn, wenn ihr euer Zugpersonal schon zwingt Durchsagen in Englisch zu machen, gönnt ihnen wenigstens vorher ein paar Kurse…) und wenn ich dann wieder in meiner eigenen Wohnung stehe, dann bin ich wirklich auch im Kopf „zuhause“.

Mit meiner Stadt hier in NRW verbindet mich allerdings weniger. Mit Hamm wird man als „Heimat“ wohl auch nur wirklich grün, wenn man hier geboren und aufgewachsen ist. Ich bezeichne eher die Region, meine Arbeitsstätte und die Menschen hier in der Gegend als die Aspekte, die ich als angenehm empfinde und wo ich mich zuhause fühle. Nach Hamm selbst verschlug mich damals die Liebe, die viele Jahre gehalten hat… und danach wollte ich (nicht der Liebe wegen) auch nicht mehr weg, auch wenn meine diesbezügliche Exfreundin keinen Kontakt mehr hält…. aber die Liebe zu dieser funktionellen Anhäufung von Häusern (Hamm) hielt sich eben eben immer in Grenzen.

Für mich, der ich aus einem sehr ländlichen Teil Süddeutschlands stamme, hat es eben auch durchaus seine erkennbaren Vorteile, wenn 5 große Supermärkte, Polizei, Post, Bürgeramt, Optiker, Zahnarzt, Apotheke und viele andere Einrichtungen keine 5-10 Minuten Fußweg von meiner Wohnung entfernt liegen.

Auf dem Land hat man es da schwerer. Zwar war auch Stuttgart nur ca. 30 Minuten mit dem Auto entfernt (was vor allem für die Freizeitgestaltung an den Wochenendnächten gut war), aber die kleinen alltäglichen Besorgungen deckt die Nähe zur Landeshauptstadt eben nicht ab.

In Hamm hab ich alles was ich brauche und wenn es um das private Vergnügen an den Wochenenden geht, so sind Städte wie Dortmund, Bochum, Duisburg auch nicht besonders weit entfernt.

So habe ich insgesamt also eigentlich das Gefühl es ganz gut erwischt zu haben…. und so etwas fördert natürlich unheimlich das Gefühl sich irgendwo wohl und zuhause zu fühlen.

Hinzu kommt noch, dass ich eigentlich ein ziemlicher Einzelgänger bin. Ich habe schon im Süden kaum Kontakte zurückgelassen und hier in NRW auch nicht im besonders nennenswerten Umfang welche begonnen. Ich war nie ein Mensch, der sich in Freundeskreisen und großen Cliquen wohlfühlt. Erschwerend kommt dazu, dass ich kaum mit Männern zurechtkomme und auch wirklich keinen gesteigerten Wert darauf lege… vor allem, wenn es (wie bei Kumpels eben oft üblich) gleich mehrere Männer auf einmal sind.

Ich bin vielmehr ein Mensch, der gerne im Schema 1:1 seine Zeit verbringt.

Ich empfange unheimlich gerne (angekündigten!) Besuch und unternehme dann mit meinen (weiblichen) Bekannten und guten Freundinnen etwas. Da ich gerne Fotografiere, Kino und Theater liebe, mir Dinge anschaue und auch sehr belastbar in Sachen Einkaufstouren bin, bietet sich auch viel Gelegenheit dazu.

Und so habe ich, wie ich meine, das Beste von allem…. unter der Woche (oder an Wochenenden, an denen ich das so mag) habe ich meist meine Ruhe und auf das Wochenende hin dann Besuch, Unterhaltung, Freunde/Freundinnen und Spaß.

Ich bin sogar bei Couchsurfing offiziell angemeldet, aber bisher hält sich die Zahl der Anfragen in sehr überschaubaren Grenzen… Hamm zieht eben keine Menschenmengen an und hier hält man entweder nur um am nächsten Tag seine Reise fortzusetzen oder weil man eben etwas zu erledigen hat. Erschwerend kommt hinzu, dass ich kaum Wochenenden ohne Besuch habe. Im jetzt auslaufenden Jahr waren es keine drei Wochenenden, die ich nicht ausdrücklich für mich haben wollte, und die ich dennoch ohne Besuch verbringen musste. Und so kommt es eben, dass mein Postfach nicht gerade mit Anfragen überläuft und wenn mal eine Anfrage eintrifft, die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass ich an diesem Wochenende nicht kann.

Allerdings plane ich am kommenden Jahr mich um etwas mehr Abwechslung in meinen Besuchen zu kümmern, denn ich möchte das Jahr dafür nutzen noch möglichst viele Personen vor meiner Linse zu haben um vor allen in der Portraitfotografie noch besser zu werden. Ich hoffe, da bei der einen oder anderen auf Interesse zu stoßen und Grünes Licht von meiner Freundin (die natürlich zuerst gefragt werden muss) habe ich da auch schon.

Also würde ich sagen: mal sehen was das neue Jahr so bringt.


Comment ( 1 )

  1. Kali

    Hmm ich kenne ehrlich gesagt das Gefühl der Entfremdung sehr gut, da es bei mir ja eben mit ner komplett anderen Sprache, einem anderen Stadtbild und ganz anderen Verhaltensweisen zu tun hat (obwohl sich ja alles in Europa befindet^^), wenn ich nach Bulgarien fahre habe ich auch nicht das Gefühl "Heim" zu kommen, wobei dort meine ganze Kindheit stattgefunden hat. Doch muss ich gestehen, wenn man dann wieder länger in seiner eigentlichen Heimat ist, dann kommt es beim zurückkehren wieder Fremd vor. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier ;)!

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