Allohol…. oder so

Bin ich alt?

Bin ich verkappt und spießig?

Bin ich einfach nur langweilig und resigniert?

Nein, ziemlich sicher nicht, denn in Bezug auf den Alkohol (und insbesondere zu seinen übermäßigen Genuss) hat sich meine Einstellung schon mein ganzes Leben lang nicht wesentlich geändert, denn es muss schon viel passieren, damit einmal soviel trinke, dass ich überhaupt in die Nähe von „beschwippst zu sein“ komme.

Dabei habe ich nicht einmal was gegen Alkohol! Nicht die Bohne!

Ich habe aber etwas gegen alkoholisierte Verkehrsteilnehmer, gegen alkoholisierte Nachbarn (letzten Sommer randalierte einer lautstark fünf Mal mitten in der Nacht um mein Haus, bevor er seinen eigenen Hauseingang fand) und allgemein eben Leute, die mir im zu sehr alkoholisierten (und daher in rational nicht mehr erreichbaren) Zustand auf den Piss gehen. Kurz gesagt: ich habe immer dann etwas gegen Alkohol, wenn man ihn soweit einsetzt, dass man nicht mehr sein eigener Herr ist und zu einer Zumutung für alle Normalgebliebenen wird.

Deshalb nutze ich bei Gelegenheiten, bei denen viel Alkohol getrunken wird (wie zum Beispiel dieser Tage auf der betrieblichen Weihnachtsfeier), schon die allererste sich bietende Gelegenheit sich nach dem „offiziellen Teil“ wieder vom Acker zu machen. Gerne nehme ich an betrieblichen Veranstaltungen und Events teil, die den Teamgedanken fördern…. dazu zähle ich Fahrten, gemütliches Beisammensein und auch Schulungen und Seminare oder die gemeinsame Teilnahme an Aktionen (z.B: Wohltätigkeits-Veranstaltungen)… sich aber von Kollegen mit glasigem Blick schon belallen zu lassen noch bevor überhaupt das Buffett eröffnen wurde, gehört definitv nicht zu denen Dingen die ich (wenn ich mal unseren Chef zitieren darf) „als erstes Prinzip der Teambildung“ verstehe.

Ich meine „Teambildung“ muss (gerade und vor allem) auch ohne sinnlosen Alkoholmissbrauch möglich sein – und sollte ich mich da irren, dann beginne ich ernsthaft an dieser Welt zu zweifeln.

Daher fahre ich auch nur höchst seltenst auf typische Ausflugsfahrten mit… und frage mich dabei noch, wieso sich unser Chef soviel Mühe macht (was ihn ja auch ehrt) und große Fahrten nach Schweden oder England organisiert? So gut wie allen Kollegen (die mitfahren) geht es doch eh meist nur ums Saufen und ab XY Promille ist es doch auch völlig piepegal ob man nun gerade an der Nordsee, an der Ostsee oder am Atlantik hackendicht in Wasser kotzt.

Ich meine, da kann man doch wirklich einen Bus nehmen (die ersten Kollegen sind bereits nach 30-35 Minuten dicht, weil man sich ja nicht mal gemütlich zusaufen kann, sondern das möglichst schnell passieren muss) zweimal um das Gelände fahren und dann in die nächste Turnhalle, Festhalle oder Eventkneipe und dort dann bis zum Umfallen weitersaufen. Wofür braucht es da noch England, Frankreich, Schweden… außer um sich im Ausland auch noch als besoffene Teutonen zu blamieren?

Und ich gebe auch gerne zur, dass es eben auch meine Schwäche ist, dass ich eben nicht einfach über solche penetranten Kollegen hinwegschauen, diverser Anpöpeleien erwehren und und mich dennoch amüsieren kann. Jemand, der eine bessere selektive Wahrnehmung besitzt, als ich sie habe, kann sich sicherlich auch auf solchen Ausflügen gut amüsieren. Aber ich weiß von einigen Kollegen, die gerne aus rein touristischen oder wirklich anständigen geselligen Gründen bei Fahrten mitfahren würden… sich das aber (wie ich selbst ebenfalls) einfach nicht antun wollen, mit einem enthemmten Haufen besoffener Schreihälse in einem Bus eingepfercht zu sein. Daher weiß ich auch, dass ich nicht allein bin mit meiner Ansicht…. aber die Mehrheit bestimmt eben und die Mehrheit mag eben sinnloses Saufen bei solchen Gelegenheiten (oder nimmt es zumindest wesentlich gelassener hin als ich dazu in der Lage bin).

Mal abgesehen von den letzten eineinhalb Jahren, in denen in meinem Leben ohnehin viel auf den Kopf gestellt wurde, fallen mir selbst kaum Gelegenheiten ein, zu denen ich überhaupt mal betrunken war. Einmal, das war noch mit Stigma auf einem Mittelaltermarkt, haben wir bei tollem Wetter in Dortmund bei einem befreundeten Heerlager Bekanntschaft mit Flake (Milch, Honig, Rum) gemacht und da war ich schon ein wenig am Schwanken (und spätestens dann höre ich auf zu Trinken).

Die zeitlich nächste Gelegenheit davor war ca. 2007, als mich Stigma und eine Freundin in einen Keller auf der „Meile“ in Hamm schleppten, den ich nur des lieben Frieden Willens als „Club“ bezeichne. Ich kam mir wirklich vor wie bei der „Nacht der lebenden Toten“ oder wie in einer Geisterbahn… alles, was im gesamten Ruhrpott und Ost-Westfalen sich bei Tageslicht nicht auf die Straße trauen konnte und selbst in einer stockdunklen mondlosen Nacht sowieso an keinem Türsteher vorbeigekommen wäre, schien sich dort in diesem Club getroffen zu haben. Das Publikums dieses Abends (und auch die Musik) ist mir selbst nach Jahren geistig noch schrecklich genau gegenwärtig (insb. die Schnegge, die mich damals angegraben hatte oder der Typ  [ich sag nur: „Manni vom Sportplatz“], der bewunderswert hartnäckig und realtitätsfremd unsere Begleitung angegraben hat). Damals habe ich ganz bewusst gesagt: „Ich brauch Alkohol um das zu ertragen“ und habe mich mit ein paar Wodka-RedBull vor der grausamen Wirklichkeit geschützt.

Damit habe ich alle Gelegenheiten seit dem Millenium aufgezählt, an denen ich überhaupt mal mehr Alkohol getrunken habe. Dazwischen liegen vielleicht mal alle paar Monate ein Glas (0,2l) Met bei einem Communitytreffen, mehr nicht. Und dennoch lebe ich, habe meinen Spaß und nicht im Ansatz das Gefühl irgendwas zu verpassen.

Ich meine, gut… ich hab einen Vorteil: wenn man so selten trinkt wie ich, dann hat man (wenn man sich wirklich mal besaufen wollte) eben sehr günstige Räusche, denn es gehört nicht viel dazu einen so untrainierten Konsumenten wie mich mit Alkohol außer Gefecht zu setzen…. Aber da ich es meistens bin, der hinter dem Steuer sitzt, gilt für mich auch fast immer 0,00 Promille und deshalb ist für mich Alkohol (auch in Kleinstmengen) ohnehin kein Thema.

Nur eine Sache ist eben immer schade…. nächste Woche (das weiß ich jetzt schon) werden die meisten Kollegen, die länger auf der Feier geblieben sind als ich und die vermutlich ordentlich getrunken haben, sich tausend Geschichten von diesem (für sie) sicherlich schönen Abend erzählen – und ich fühle mich dann etwas (selbstgewählt) ausgegrenzt… und frage mich dennoch:

„Wieso braucht es dafür wirklich immer zwingend so viel Alkohol um einen unterhaltsamen gemeinsamen Abend zu haben?“

Und dann ist sie wieder da, die Frage, die sich jedesmal anschließt, seit ich vor über 20 Jahren mit dem Einstieg in das Berufsleben mit alkoholdurchtränkten Betriebsfeiern meine liebe Not habe:

„Für wen ist das nun ein Armutszeugnis? Für meine Kollegen oder für mich?“

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