Das 11. Gebot

DU SOLLST DICH EMPÖREN IN FACEBOOK UND TWITTER OB DEINES UNBILLS ÜBER DIESE WELT

So (oder zumindest so ähnlich), könnte man meinen, lautet für viele internetfähige Menschen das elfte der Zehn Gebote. Zumindest habe ich regelmäßig diesen Eindruck, wenn ich mir Seiten wie Facebook oder Twitter öffne.

Da ploppen mir in kurzer Zeit immer dermaßen viele universale Weltempörungsnachrichten und Anprangerungs-Bildchen über den Bildschirm, dass ich mich schon mehr dadurch belästigt fühle als durch die reinploppenden Einblendungen im „Free-TV“ (noch so ein Ausdruck, den ich hasse) während kurzen der Spielfilmszenen zwischen den tausend Werbeblöcken.

Also, wollen wir mal in medias res gehen und schauen, was Facebook heute (Samstagmorgen 08:00 Uhr) so zu bieten hat:

  • Ein Hasspost gegen die GEZ in Form eines müden Spruchbildes (rechtlich im Inhalt eh nicht haltbar)
  • Eine sexistische Diffamierung bezüglich Männer mit großen Ego und kleinen Fortpflanzungsorgangen
  • Anti-Euro-Video
  • Ein Hinweis über Handynutzung durch Frauen mit blonder Haarfarbe
  • Kinderschänder mit dem Tod bestrafen
  • Anti-Griechenland-Sprüche
  • Anti-Bundeskanzlerin-Bild
  • Todesstrafe für Hundemörder
  • Jesus-Liebt-Dich-Spruch (Facebook-Freundschaft sofort durch mich eben aufgelöst)
  • Pro-Vegetarismus-Bild mit kleinem Schweinebaby
  • Nur-Arschlöcher-Abreaktions-Bild
  • Anti-Griechenland-Spruch
  • Todesstrafe für Tierquäler Forderung
  • Anti-Banker-Bild
  • Es gibt keine echten Freunde Proklamation
  • Rettet die Meeressäuger Bild
  • Anti-Griechenland-Bild
  • Anti-Tierquäler-Bild

Damit lass ich es einfach einmal gut sein mit der Aufzählung.

Es zeigt mir aber eines… für viele scheint der Sinn von Facebook & Co. sich einfach nur daraus zu ergeben, dass man mit ein paar wenigen Klicks irgendwelches (oft dazu noch illegal kopiertes) Material auf die eigene Userseite bringt….

… und zu welchem Zweck?

Was ist das sonst außer nur die sinnfreie Belegung der Bildschirmfläche anderer Betrachter?

Ich meine, kein Tierquäler oder Kinderschänder, der vor seinem nächsten Gang zur Pferdekoppel oder zum Kinderspielplatz mal noch eben ins Facebook schaut, wird sich denken: „Oh, scheisse… ich kann doch nicht auf Tour gehen heute, denn im Facebook haben die alle was dagegen!“.

Was bringt es also, wenn man Walkiller im Facebook anprangert, Kindermörder umbringen will oder gegen den Kapitalismus wettert? Ich habe den Eindruck, so mancher beruhigt damit nur auf virtuelle und recht bequeme Weise sein real existierendes schlechtes Gewissen.

Greenwashing auf Spam-Basis“ nenne ich das und es funktioniert so:

Da poste ich eben schnell noch was im Facebook gegen Ausbeutung und Umweltzerstörung, bevor ich dann zum Klamotten-Billig-Markt fahre und mir eine Jeans für Euro 12,90 kaufe – bei der mich dann wieder einen Scheiss interessiert, ob die Jeans aus China oder Thailand kommt, wo Kinder 14 Stunden an der Maschine sitzen und giftige Farbstoffe einatmen und das Chlor der Bleichmittel ungehemmt in den nächsten Fluss geleitet wird.

Braucht mich ja alles nicht zu interessieren, ich hab mich doch bei Facebook schon genug empört und ich hab doch auch wenig Geld, deshalb kauf ich mir die Jeans für Euro 12,90 doch!

Auch die Wahl und die Politik und der Euro geht mich nichts an… gut… ich war vielleicht nicht bei der letzten Wahl… ich meine, meine Stimme zählt doch eh kaum… aber im Facebook, da zählt sie sicher mehr als wenn ich meinen Wahlzettel abgebe… falls ich überhaupt bescheid weiß, welche Partei was für ein Programm hat… aber die sind doch eh alle gleich… und sowieso sind alle Politiker scheisse und deshalb poste ich lieber im Facebook!

Und die Griechen sind ja sowieso an allem Schuld… das war schon immer so.. weil die Geld ausgeben, das sie nicht haben… wir machen sowas nicht und deshalb schreib ich jetzt noch was gegen die Griechen… aber natürlich sind bei uns die Politiker trotzdem scheisse weil sie keine Tierquäler umbringen… denke ich mir so, während ich noch schreibe „Tötet alles, was keinen Schwanz hat“… und meine ChickenWings von einem elend zugrunde gegangenen Huhn, das irgendwo in einer bis an die Decke verschissenen und dunklen Massentierhaltungseinheit seine drei oder vier Wochen Leben in Panik und mit Antibiotika fressen gefristet hat, im Backofen bruzeln.

Und ich darf mir dann diesen ganzen Gewissensberuhigungs- und Pseudo-Protest-Scheiss noch jeden Morgen durchlesen?! Das kotzt mich sowas von an, dass ich die meisten meiner Freundschaften im Facebook schon derart gestaltet habe, dass ich mir die Statusmeldungen solcher Leute schon gar nicht mehr in meinen Neuigkeiten mehr anzeigen lasse.

Nicht dass ihr mich falsch versteht: ich bin kein Weltverbesserer. Ich bilde mir nicht ein, dass mein Blog, mein Facebook oder meine sonstigen Internetaktivitäten irgendeine Änderung bewirken. Und genau das unterscheidet uns, denn ich geh euch damit dann wenigstens auch nicht täglich seitenweise auf den Piss!

Wer die Welt ändern will, der muss eben nunmal seinen Arsch vom Facebook & Co losreissen, muss sich wirklich mal informieren und zur Not auch mit der langweiligen (und meist doch vielschichtig komplizierten) Realität auseinandersetzen und er muss sich anstrengen.

  • Es ist eben nicht einfach den Geldbeutel zu öffnen um eine Jeans zu kaufen, die erstens nicht so billig ist und zweitens die verantwortlich produziert wurde.
  • Es ist auch nicht so einfach Vegetarier zu werden oder wenigstens sein Huhn beim Bauer auf dem Markt zu kaufen und auch sicher sein zu können dass es keines der lebenden Zombies der Hühnerfarmen war.
  • Es ist auch für die meisten langweilig sich mit den Fragen von Euro und Außenhandel zu beschäftigen, denn bevor man sich einen Abend mit der Frage: „Wer hat die Politiker gewählt, die Griechenland damals überhaupt aufgenommen haben“ oder „Wieso wurden die Kriterien für die Aufnahme in den Euro (die damals übrigens nicht einmal Deutschland bestanden hätte) wieder aufgeweicht?“ beschäftigt geht man lieber in die Premiere von „Der Hobbit“ und beschäfigt sich mit den Problemen von Zauberern und Zwergen anstatt mit denen in der realen Welt.

Wenn ich so ab und an mal einen Blick auf meine Neuigkeiten-Bildschirme in Facebook werfe, dann liebe Freunde, denk ich an die berühmte Worte vom „um den Schlaf gebracht“ und frage mich wirklich: was soll aus uns werden, wenn die Masse dieser Leute wirklich an der politischen und gesellschaftlichen Gestaltung unserer Zukunft beteiligt sind…

Wir lästern über „vererbte Sozialhilfe“, wenn arbeitslose Eltern in den Soaps von Hartz-IV-TV ihre arbeitslosen Jugendlichen aufziehen… machen uns aber gleichzeitig keine Gedanken darüber, ob wir mit unserem politischen und gesellschaftlichen Interesse und Wissenstand nicht auch schon so eine Art von Hartz-IV-Niveau erreicht haben, das wir dann an unsere Kinder weitergeben.

Goldene Aussichten für Regierungen – leider aber immer für die Falschen.


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