Nix zu gewinnen

Wusstet ihr eigentlich, dass ich noch nie wirklich etwas gewonnen habe?

Nun gut, es ist auch nicht gerade so, dass ich wie ein Hausmütterchen im Rentenalter jeden Tag zuhause sitze, tausende Frauen-, Küchen- und TV-Magazine durchblättere und jedes Gewinnspiel (und sei es noch so dämlich) ausfülle.

Ich rufe auch nicht bei jeder 0137-Nummer bei den noch dümmlicheren Gewinnspielen der TV-Sender an. So dass sich die Möglichkeit, einen echten Gewinnen zu ergattern, auf recht erklärbare Weise dadurch einschränkt, dass schlicht die Teinahme zu solchen Gewinnspielen nicht vorhanden ist.

Dennoch, an ein paar Gewinnspielen habe ich in meinem Leben schon teilgenommen – schon damals als Kind – doch ich gewann nie etwas.

Hinzu kommt, wenn ich übers Wochenende Besuch habe (Freundin ausgenommen) ist es Tradition dass beim sonntäglichen Frühstück ein Rubbellos auf die Teller lege. Ich kennt diese Rubbellose sicher. Das sind so kleine ca. scheckkarten-große Kartons auf denen ein meist silbernes Feld zu sehen ist das abgerubbelt werden muss. Wenn dann (je nach Gewinnspiel) dreimal das gleiche Symbol oder dreimal der exakt gleiche Betrag zu sehen ist, dann hat man gewonnen. Diese „Tradition“ habe ich vor ca. einem Jahr (als ich mit Erreichen meines Singlestatus an den Wochenenden dauernd anderen Besuch hier hatte) eingeführt.

Sicher, ich „gewinne“ auch mal Euro 1,- oder Euro 2,- (was quasi meist dem Preis für ein weiteres Los entspricht), aber als ein Mädel vor Monaten mal tatsächlich an meinem Frühstückstisch saß und (auch noch mit dem von MIR gekauften Rubbellos) Euro 500,- gewann, da hab ich irgendwie das Gefühl bekommen, dass mir das „Glück im Spiel“ wohl mit Freude ständig seinen nackten Arsch ins Gesicht streckt.

Gut, in solchen Momenten gilt es natürlich Haltung zu bewahren, sich für den Besuch zu freuen und den Gewinn zu gönnen… alles andere wäre ja auch echt charakterlos. Außerdem bin ich später von ihr auch fein zum Essen eingeladen worden.

Ich erinnere wenig aus meiner Kindheit. Doch was ich erinnere ist der erste Schultag, denn damals hat das örtliche Kreditinstitut in seiner Funktion als Sponsor ein Kasperle-Theater in der Sporthalle der Schule aufgeführt. Es ging um einen sicheren Schulweg und die Gefahren die man eben nun damit zu bewältigen hat. Natürlich war das Krokodil da der Bösewicht und der Polizist, der natürlich von alleine nichts kapierte, hat dank der Zivilcourage vom Kasperle dann endlich seines Amtes walten und das Krokodil vertreiben können.

Noch am gleichen Tag durften wir in der Schule ein Krokodil malen und die Zeichnung abgeben. Die schönsten Zeichnungen, so hieß es, würden mit einer Krokodil-Handpuppe belohnt.

Ich weiß noch ganz genau wie dieser Gewinn aussah. Es war ein in dunklem Grün gehaltenes Krokodil, mit rotem Filz im Mund, weißen Filz-Zähnen und einer leicht heraushängenden Zunge (was ich, wie mir eben auffällt, bei echten Krokodilen noch nie beobachten konnte). Die Puppe war in einer durchsichtigen Plastiktüte eingeschweißt.

Und alle bekamen eine.

Wirklich alle in meiner Klasse – außer ich.

Seither hab ich auch nie wieder ein Krokodil gemalt.

Heute, als erwachsener (oder zumindest als älter gewordener) Mensch weiß ich wohl, dass vermutlich jemand nicht die richtige Klassenstärke wusste oder sich bei den Krokodilen eben verzählt hatte. Aber als Kind ist man noch nicht in der Lage das zu wissen… da wusste ich nur eins: ich hab als Einziger kein Krokodil bekommen, also muss meine Zeichnung als einzige absolut hässlich und schlecht gewesen sein.

Ungefähr elf Jahre später, als ich zusammen mit drei oder vier anderen Bewerbern exakt bei diesem Kreditinstitut (das damals das Kasperle-Theater und die Krokodil-Aktion sponserte) im Bewerbungsgespräch saß, um einen der begehrten Ausbildungsplätze als Bankkaufmann zu ergattern, wurde ich gefragt, was meine ersten Erfahrungen mit diesem Kreditinstitut gewesen wären. Da hab ich ihnen genau die Geschichte, die ihr eben von mir geschildert bekommen habt, erzählt und auch dass ich bis heute kein Krokodil bekommen hätte.

Sicher, ich hätte auch (wie die anderen) lügen können und vom ersten Sparbuch usw. erzählen können, aber nein: ich hab gedacht, jetzt hab ich nach elf Jahren endlich mal die Chance mich bei den richtigen Leuten zu beschweren und dann tu ich das auch. Das war ich meinem (künstlerisch natürlich völlig traumatisierten) sechsjährigen Ich auch irgendwie schuldig.

Zum Ende des Bewerbungsgesprächs bekam ich dann endlich mein Krokodil… zwar mir elf Jahren Verspätung und auch nicht mehr ganz genau in der gleichen Ausführung, aber immerhin. Leider hab ich es auf der Fahrt nach Hause dann im Bus liegen lassen und so galt: wie gewonnen so zerronnen. Den Ausbildungsplatz hab ich übrigens damals auch bekommen, aber ich habe (obwohl ich lange Zeit im Marketing war) dort nie wieder ein Krokodil zu Gesicht bekommen…. außer vielleicht die immer mies gelaunte Tippse von der Kreditnachbearbeitung, die immer ihren Lebensfrust an den neuen Azubis ausgelassen hatte (aber das ist eine andere Geschichte).

Eine Bekannte von mir gewann vor gar nicht langer Zeit ein Auto. Ich glaube, es war ein Ford Focus. Der Exfreund einer Exfreundin von mir gewann 50.000 Euro… und das bei einem Gewinnspiel, das SIE für IHN ausgefüllt hatte noch bevor sie wusste, dass er sie seit Monaten betrügt…  und mein ehemaliger Nachbar (so habe ich neulich erfahren) gewann ausgerechnet als er gerade am umziehen war eine komplett kostenlose individuelle Traumküche.

Nur ich, ich gewinne nie etwas…. außer vielleicht Erfahrung und Einsicht.

Gut, dafür bekomme ich aber auch nicht 10.000 Werbeanrufe pro Tag, weil meine Kontaktdaten nicht in irgendwelchen dubiosen Direktvermarktungs-Adressen-Pools zu finden sind. Wie es zugeht, wenn man in solchen Karteien landet, kann man wunderbar bei Kay Uwe M. in Youtube nachhören (der Typ ist mein persönlicher Medien-Held, denn er zeigt den Verkaufsfirmen und vor allem den angeblichen Gewinnspiel-Abmeldungs-Tricksern den ausgestreckten Mittelfinger).

So und jetzt fühlte ich mich doch nicht mehr ganz so schlecht, wenn ich die tausend „Advent-Gewinnspiel“ Flatterzettel, die schon wieder allein diese Woche in meinem Briefkasten entsorgt wurden, zum Altpapier lege.

Ach ja.. und übrigens:

Warnung: Gewinnspiel kann süchtig machen! Informationen zur Spielsucht, Prävention und Behandlung erhalten Sie unter anderem auf den Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unter www.bzga.de.

 

Korrigierte nachträgliche Gegendarstellung aus reaktivierter Erinnerung:

Wie ich so eben beim Aufräumen in der Küche darüber nachdenke, muss ich zugeben in der Vergangenheit doch einmal etwas gewonnen zu haben und um hier nicht die pure Unwahrheit geschrieben zu haben, muss ich das der Vollständigkeit erwähnen:

Bei einer Weihnachtsfeier habe ich mal eine Flasche Honiglikör gewonnen. Jawoll.

Bei einem Kollegen, der zwar keine Kinder hatte, dummerweise aber ein größeres Spielzeugauto gewonnen hatte, habe ich die Flasche Honiglikör dann gegen sein Spielzeugauto getauscht. Das Spielzeugauto habe ich dann einem damals zeitarbeitenden Kollegen geschenkt, von dem ich wusste, dass er seinem Junior gerne so ein Auto geschenkt hätte (weil er sich zuvor mal erkundigt hatte, was so ein Spielzeug kostet).

Ja, so war das… bin dann zwar auch mit leeren Händen nach Hause, aber mit dem viel schöneren Gefühl dass sich ein kleiner Knirps zu Weihnachten über ein Auto freut. 🙂

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