Lieber Herr Steinbrück

Ein Arbeitnehmer, der sich in der glücklichen Lage befindet neben seiner Arbeit noch genügend Zeit zu haben, könnte leicht auf die Idee kommen, sich durch einen Minijob oder eine Nebenbeschäftigung noch ein wenig Geld zu verdienen. Wenn jemand Zeit an den Wochenenden hat und/oder keine Schichtarbeit leisten oder sich sonst nicht viel um Familie und andere Pflichten kümmern muss, ist das auch ein naheliegender Gedanke.

Jedoch ist es die Pflicht eines solchen Arbeitnehmers sein Vorhaben mit seinem Arbeitgeber zu besprechen. Immerhin hat der Arbeitgeber auch ein berechtigtes Interesse daran ebenfalls zu entscheiden, ob eine solche Nebentätigkeit eventuell Nachteile für ihn bringt. So wäre es unter Umständen möglich dass der Arbeitnehmer zuviel Zeit im Nebenjob verbringen könnte und somit nicht ausgeruht und leistungsfähig genug für seine eigentliche Arbeit sein oder sie könnte einen Interessenskonflikt zu seiner eigentlichen Arbeit stehen.

Ich finde, da hat ein Arbeitgeber auch absolut recht damit, wenn er über solche Dinge informiert werden will.

Nun mag es zwar sein, lieber Herr Steinbrück, dass Sie vom Land oder vom Bund bezahlt werden und auf der knappen Überweisungszeile in Ihrem Kontoauszug nicht eine Liste von Millionen Namen Ihrer Wähler als Auftragsgeber genannt wird, aber (wenn auch um ’ne Ecke herum) es sind doch die Bürger dieses Landes, die Ihnen Ihren Job gegeben haben oder (im Falle der Bundeskanzlerschaft, wenn die SPD die Wahl gewinnt) geben sollen.

Es schockiert mich nicht wenig, dass Sie es nicht als ein völlig selbstverständliches Gebot von Anstand, Moral und Fairness ansehen, dass Sie Ihre Wähler nicht vollumfänglich über alle Einkünfte informieren wollen, die Sie noch von anderen Interessensgruppen erhalten.

Gerade WEIL Sie Sozialdemokrat sind schockiert mich das umso mehr.

Wenn Sie (völlig zurecht übrigens) einfordern, dass die Politiker anderer Parteien ebenfalls so schonungslos ihre Einkünfte offen legen sollen, wie das von denen selbst gefordert wird, ist das natürlich kein Fehler. Aber sich in der eigenen Haltung und Handlungsweise daran zu messen, was die Politiker der anderen Parteien (z.B. der FDP) tun, das steht einem Sozialdemokraten nicht gut zu Gesicht und bringt mich zur der Frage: inwiefern sich ein sozialdemokratischer Politiker dann noch in seinem Selbstverständnis von einem Politiker der anderen Parteien unterscheidet?

Gerade SIE sollten es besser wissen und es (ergo) auch besser machen als die Herren der politischen Konkurrenz.

Sich hinter der gemeinsamen Veranlagung mit der Ehefrau zu verkriechen ist auch so eine Sache, lieber Herr Steinbrück. Sie, der Sie jährlich ich-weiß-nicht-wie-oft Vorträge über Finanzen, Wirtschaft und Steuern halten, dürften doch an so einer Hürde nicht wirklich scheitern?! Ich halte Sie und Ihre Buchhaltung für intelligent genug eine Veröffentlichung Ihrer Nebeneinkünfte auch ohne eine gemeinschaftliche Veranlagung mit Ihrer Ehefrau zu dokumentieren oder teilt Ihnen Ihre Frau nicht mit, wie hoch der Kontostand auf Ihrem gemeinsamen Konto ist?

Wissen Sie, meinen Arbeitgeber interessiert es nämlich auch nicht, wenn ich sagen würde: ich kann Ihnen zu meinem Job nichts sagen, weil ich zusammen mit meiner Freundin Geld verdiene…

Dass man ausgerechnet einer Führungsfigur der deutschen Sozialdemokratie erklären muss, dass (und wieso) es für den Wähler wichtig und richtig ist zu wissen, von wem der Volksvertreter noch so alles Geld in die Tasche gesteckt bekommt (und natürlich auch wofür) macht mich mehr als nachdenklich und es rüttelt an den Grundfesten meiner Überzeugung wofür Ihre Partei eigentlich steht und welche historische Wurzeln sie hat.

Und damit Sie mich nicht falsch verstehen: ich gestehe Ihnen Ihre Nebeneinkünfte zu und gönnen Ihnen auch Millionen davon… das ist NICHT das Problem. Ich würde nur gerne (von allen wählbaren Politikern, aber von Kanzlerkandidaten besonders) wissen wollen:

  • wofür Sie
  • von wem
  • wie oft
  • welche Summe

bekommen, damit ich, wenn ich für Sie (bzw. Ihre Partei) mein Kreuzchen machen soll, auch für mich selbst abschätzen kann, ob Sie MEIN Kandidat sind oder doch eher der Kandidat eines Branchen- oder Interessenverbandes.

Und wenn Sie dann Kanzler geworden sein sollten und Ihre Partei in einer Koalition die Mehrheit hat (das hatte sie vor gar nicht allzu langer Zeit schon einmal und damals waren Sie ebenfalls im Kabinett), dann erwarte ich mit großer Freunde und Spannung den Schulterschluss aller Parteien, wenn es darum geht, endlich einmal eine den Wähler (Auftraggeber) zufriedenstellende Transparenzregelung zu schaffen.

Bis dahin verbleibe ich in freudiger Erwartung,

Ihr böööser Asmodeus

Comment ( 1 )

  1. Rodica

    Der Witz ist, dass alle Politiker zu gern und zu leicht manipulierbar sind, sprich für welche Zwecke auch immer gkauft werden können. Vorträge sind da das harmloseste Beispiel aber grundsätzlich muss weit mehr Unabhängigkeit geschaffen werden und Vergehen sollten nicht durch "die anderen tun es auch" beiseite gewischt werden dürfen.

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